Ich habe mein Leben mehr dokumentiert als gelebt.
Ich kenne beide Seiten: stundenlang durch das Leben anderer Menschen zu scrollen, und selbst von Tausenden verfolgt zu werden.
Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, was ich mir am meisten wünsche, hätte ich wahrscheinlich gesagt: mehr Reichweite. Bis ich sie bekam und sich meine ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt hat.
Wer ich bin
Ich bin Diyana, 26, und vor drei Jahren nach Bulgarien gezogen, um Medizin zu studieren. Ehrlich gesagt dachte ich damals, das wäre die größte Veränderung meines Lebens. Neues Land, neue Sprache, neues Studium. Aber wenn ich heute zurückblicke, war etwas ganz anderes viel prägender: mein Verhältnis zu Social Media.
Ich kenne beide Seiten
Das Verrückte ist, dass ich beide Seiten kennengelernt habe. Ich weiß, wie es ist, stundenlang durch das Leben anderer Menschen zu scrollen. Und ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich Tausende Menschen dein eigenes Leben verfolgen.
Kurz nachdem ich nach Bulgarien gezogen war, habe ich angefangen, selbst Content zu machen. Eigentlich ohne große Erwartungen. Ich dachte wirklich, es würde sich sowieso niemand dafür interessieren. Dann ging plötzlich alles unglaublich schnell. Nach etwa einem Jahr hatte ich über 40.000 Follower.
Mit jeder Zahl kam Druck
Am Anfang fühlt sich das natürlich toll an. Jeder neue Kommentar, jede Nachricht, jeder neue Follower fühlt sich wie eine Bestätigung an. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass mit jeder Zahl auch ein kleines bisschen Druck dazugekommen ist. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dauernd alles checken zu müssen. Immer etwas posten zu müssen. Immer beobachtet zu werden und für alle abzuliefern.
Und das Verrückte daran ist, wie sehr mir diese Selbstinszenierung aufs Gewissen gedrückt hat. Manche vergleichen sich mit dir, idealisieren dich. Du vergleichst dich wiederum mit anderen und fühlst dich schrecklich dabei. Das Imposter-Syndrom wird immer lauter. Aber man macht trotzdem weiter, bis man irgendwo zwischen all dem merkt, dass das eigene Leben gar nicht dafür da ist, dauerhaft öffentlich stattzufinden.
Am Ende sind es nicht die Momente, die wir gepostet haben, an die wir uns erinnern.Diyana
Beschäftigt, aber nicht am Leben
Genauso schlimm war ehrlich gesagt meine Erfahrung als Konsumentin statt als Creatorin. Es gab Wochen, in denen ich zwölf Stunden Bildschirmzeit am Tag hatte und von einem Algorithmus zum nächsten gesprungen bin, ohne allein aus diesem Teufelskreis herauszufinden.
Das Schlimmste daran war nicht die Zeit selbst. Das Schlimmste war das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein und trotzdem nicht das Leben zu führen, das ich eigentlich führen wollte.
Ich habe große Ziele, große Träume. Dinge, die ich unbedingt erreichen wollte. Aber gleichzeitig habe ich meine täglichen Vorsätze immer wieder auf morgen verschoben und mich gefragt, warum ich einfach nicht vorankomme.
Kein fairer Kampf
Natürlich dachte ich zuerst und sehr lange, das Problem wäre ich. Also habe ich Apps gelöscht, Accounts deaktiviert, mein Handy weggesperrt. Ich habe mir immer wieder vorgenommen, disziplinierter zu werden. Es hat meistens ein paar Tage funktioniert, und dann war ich wieder genau da, wo ich vorher war.
Erst viel später habe ich verstanden, dass das kein fairer Kampf war. Auf der einen Seite stand ich mit meinen guten Vorsätzen. Auf der anderen Seite Unternehmen, die Milliarden investieren, um unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu halten. Einige der klügsten Produktdesigner, Psychologen und Entwickler der Welt arbeiten jeden Tag daran, dass wir immer wieder zurückkommen.
Ich finde es deshalb unfair, ausschließlich den Menschen die Schuld zu geben. Wir sollten genauso über die Systeme sprechen, die genau dieses Verhalten fördern.
Warum back to ctrl
Für mich hat sich erst etwas verändert, als ich aufgehört habe, mich nur auf Willenskraft zu verlassen, und stattdessen Systeme geschaffen habe, die mir helfen, bewusste Entscheidungen zu treffen. Genau aus diesem Gedanken ist später auch back to ctrl entstanden.
Nicht, weil ich gegen Handys bin. Nicht, weil ich glaube, dass Social Media grundsätzlich schlecht ist. Ich habe beide Seiten erlebt und weiß, wie viel Gutes dort entstehen kann. Aber es kann schnell von guten Absichten ins Negative kippen, wenn man nicht sehr achtsam ist.
Ich wünsche mir einfach, dass wir wieder bewusster entscheiden können, wann wir online sein wollen und wann wir lieber unser echtes Leben genießen. Ich wünsche mir eine Community aus Menschen, die große Träume haben und sich ihre Aufmerksamkeit Stück für Stück zurückholen. Menschen, die nicht perfekt sein wollen, sondern einfach wieder das Gefühl haben möchten, selbst über ihre Zeit zu bestimmen.
Denn am Ende sind es meistens nicht die Momente, die wir gepostet haben, an die wir uns erinnern. Es sind die, in denen wir das Handy einfach in der Tasche gelassen haben.
back to ctrl.
Nicht gegen dein Handy. Für das Leben, das daneben passiert. Einmal entscheiden, dann hält es.
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